FEUILLETON


Als   ich  im  Jahre 1985, angesteckt  von der omnipräsenten Begeisterung  über den ersten Teil der Terminator-Reihe, gegenüber meiner Mutter den dringenden Wunsch äußerte, diesen auch im Kino sehen zu dürfen, erntete ich nicht nur verständnisloses Kopfschütteln, sondern echte Ablehnung, ja sogar schon Abwertung in der Form, dass diese meine Mutter Zweifel an meiner geistigen Verfassung hegte und überhaupt, ich sei noch so jung und meilenweit von der Altersempfehlung 16 entfernt (was auch stimmte) und wie ich auf diese völlig abstruse Idee käme und sie - die bis heute weder den ersten noch die nachfolgenden Terminator-Filme gesehen hat - ohnehin der Meinung sei, dieser unrealistische Hollywood-Mist hätte im soliden Alltag einer 12-Jährigen in der deutschen Provinz gar nichts zu suchen. Dickes Autsch damals für mich, heute für meine werte Frau Mama. Die Maschinen übernehmen die Kontrolle, Menschen leben im Untergrund und sind nur noch Störfaktoren in einer technisierten Welt, in der Computer unantastbare Entscheidungen treffen und diese auch durchsetzen. Werfen wir einen Blick auf die bahnbrechenden digitalen Errungenschaften der letzten Jahre, erscheint das Szenario der 80-er mancherorts gar nicht mehr so entrückt oder wie ein Gespinst aus dem Reich der Fantasie. Doch wir wollen nicht vorgreifen, immer hübsch der Reihe nach. Blicken wir also erst einmal zurück, das dicke Ende kommt beim Feuilleton noch, obwohl manche Pessimisten dieser Textgattung eine durchgängige Bösartigkeit unterstellen. Das faszinierende Horrorszenario der 80-er Jahre hielt also seinen Siegeszug an den Kinokassen und Schwarzenegger erlangte mit seiner Darstellung des bösartig-intelligenten Brutalo-Roboters Weltruhm, stieg der Film vom relativ preisgünstig erstellten B-Movie doch zu einem der Kassenschlager des Jahrzehnts auf. Dabei hat er kaum was gesagt, der Arnold, im Film natürlich (zu seiner späteren Zeit als Gouverneur von Californien hingegen war er ja ständig mit irgendwelchen Statements in den Medien vertreten). Und doch: I’ll be back gilt als viel zitierter Spruch, der dem Aussprechenden wenn auch nur ganz kurz eine gewisse Macht verleiht, entsteht doch im Gehirn des Gegenübers sofort die Konnotation zum omnipotenten Robo-Bösewicht.

Das lässt aufmerken und ein ganz winziges Fünkchen Neid keimt auf, denn, wie gerne, wie gerne wäre man doch auch mal selbst in der Position, Probleme mit übermenschlicher Kraft und Gewalt zu lösen, anstatt mühsam und gefühlt endlos zu diskutieren und selbst dann noch oft genug den Kürzeren zu ziehen. „I’ll be back“, das klingt auch ganz verheißungsvoll, vor die Suchenden hingeworfen, die sich auf jede eschatologische Deutungsmöglichkeit von irgendetwas versteigen. Das ist jetzt aber wirklich weit hergeholt und riecht schon ein wenig nach Blasphemie, aber ich schwöre (oh nein, schon wieder), dass ich damit alle religiösen Institutionen im Visier 

© 20th Century Fox


habe, ausnahmsweise nicht nur die von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs an Kindern gebeutelte katholische Kirche. Es geht also um eine Figur, den Terminator, der nichts Gutes mit der Menschheit im Sinn hat, ganz gegenteilig möchte er sie dank seiner Programmierung auslöschen und den Nachfahren des potenziel-len Widerstandkämpfers gar nicht erst gezeugt werden lassen. In der Literatur wird dieses Unterfangen übrigens als Großvaterparadoxon gehandelt und es hat mitnichten damit etwas zu tun, dass Arnold, über Jahrzehnte hinweg die Idealbesetzung des Robo-Monsters schlechthin, nun auch schon in die Jahre gekommen ist. Das ist eine Tatsache, die jeder gut nachvollziehen kann. Das erwähnte Paradoxon jedoch entzieht sich manchem und so überlassen wir es dann lieber einer Allianz aus Literatur- und Natur-wissenschaftlerinnen, die wahrscheinlich ohnehin nie zustande kommen wird. Was allerdings real werden dürfte, ist der Hintergrund der Geschichte: Maschinen entscheiden über die Menschen und diese können ihnen weder physisch noch kognitiv das Wasser reichen.

Erst einmal, dann taucht ja irgendwann der Widerstandskämpfer auf, der in der damaligen Gegenwart der 80-er dann doch gezeugt wurde von dem Zeitreisenden, der ja eigentlich die Mutter beschützt usw., an dieser Stelle wird es vom Erzählerischen etwas unübersichtlich. Wie in der Realität, genauer, in unserer Realität, in der bereits heute und tatsächlich Maschinen den Menschen Entscheidungen ab-nehmen. In den Alltag der normalen Bürgerinnen halten immer mehr Geräte Einzug, die Entscheidungen übernehmen, z. B. in der Haustechnik, beim autonomen oder computerunterstützten Fahren, Wearables, die auf Alarmzeichen unseres Körpers achten und uns darauf hinweisen und eifrig Daten für Big Data sammeln, Logistik Control optimiert Zustelltouren etc. Im Bereich der Wissenschaft haben wir es dann aber noch mit ganz anderen Kalibern der KI zu tun: Machine Learning ist eine Methodik aus dem Schatzkästlein der künstlichen Intelligenz und ermöglicht entgegen seiner beschei-denen begrifflichen Aufmachung ein Universum an Nutzungsmöglichkeiten, die gegenwärtig Einzug in die Forschung halten. Auf der Basis der bereits in den 60-er Jahren entwickelten künstlichen neuronalen Netze entstehen gegenwärtig mithilfe der stark verbesserten Rechnerleistungen Algorithmen, die eigenständig Konzepte begreifen und auf der Basis ihrer Trainingsdaten Vorhersagen über künftige Entwicklungen machen können. Manche Fragestellungen sind zum einen zu komplex, um sie Menschen zu überlassen und zum anderen gibt es einen Zeit- und Ressourcenfaktor, der das herkömmliche Procedere gefühlt in die Steinzeit katapultiert. Und da ist es doch ganz toll und wünschenswert, z.B. bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Infektionskrankheiten, dass das alles schneller geht und einfacher und alles. Gegen den medizinischen Fortschritt darf man nix sagen. Menschen sind krank und das ist schrecklich und es besteht eine Chance auf eine schnellere Heilung, so wird es jedenfalls suggeriert, und schon ist eine weitere Spielwiese für die KI erschlossen und jeder, der Bedenken anmeldet, gilt als misanthroper Spielverderber. Natürlich ist jedem Menschen ein langes, gesundes, glückliches Leben zu wünschen und die Gemeinschaft ist verpflichtet, dieses so gut es geht zu ermöglichen, doch welche Menschen profitieren denn davon? Die Erfahrung lehrt uns, dass hauptsächlich wir Bewohner der die Klimakrise verursachenden Industrieländer einen Nutzen aus den Errungenschaften der Forschung ziehen. KI zählt zu den lukrativsten und teuersten Gebieten der zeitgenössischen Forschung, die EU plant binnen der nächsten Jahre milliardenschwere Investitionen auf diesem Sektor und China buttert unfassbare humane und infrastrukturelle Ressourcen in den weltweiten technologischen Wettlauf. US-amerikanische Unternehmen wie Google sichern momentan noch einen kleinen Vorsprung vor den asiatischen Bemühungen, werden aber bald überholt werden. Und wo sind die Süd- und Lateinamerikanischen Länder und Afrika? Sie tauchen nicht auf, höchstens als Rohstofflieferanten für die gewaltigen Rechnerzentren und digitalen Geräte, die in den reichen Ländern konsumiert werden. So liegt der Verdacht nahe, dass auch die positiven Ergebnisse der KI-Forschung, die das Leben der Menschen nachhaltig verbessern, dem Publikum aus den Forscher-Ländern vorbehalten bleiben. Und während des atemlosen Wettlaufs um die gravierendsten Fortschritte bei der KI geraten die beklemmenden Dystopien über das Ringen der Menschheit mit den Maschinen in Vergessenheit. Oft. Aber nicht immer. Wahrscheinlich 2019 noch taucht der sechste Teil der düsteren Cameron-Saga in den eis- und chipsgeschwängerten Vorführungssälen der Kinos auf. Dieser Film zumindest - im Gegensatz zu den Errungenschaften der KI - wird auf der ganzen Welt Premiere feiern und ich bin mir ganz sicher:


I’ll be back, too.

Sonya Hochrein