INTERNET OF THINGS


INTERVIEW MIT

DR. MATTHIAS C. KETTEMANN



Hallo Herr Dr. Kettemann, vielen Dank, dass Sie sich trotz Ihres heutigen Umzugs nach Hamburg noch Zeit für uns genommen haben.

 

EVENT JOURNAL:

„Internet der Dinge“ ist ein Begriff, der eigentlich sehr konkret klingt, besteht er doch aus Wörtern, die uns geläufig sind. Trotzdem ist das „IoT“, so die englische Abkürzung, für die meisten Menschen in Deutschland ein Novum.

 

Dr. Kettemann:

Beim Internet der Dinge geht es darum, dass verschiedene Gegenstände, verschiedene Dinge also, miteinander kommunizieren, dass sie sich miteinander vernetzen. Stellen Sie sich vor, jeder Tisch und jeder Kühlschrank hätte ein Handy und sie könnten so miteinander reden.

 

EVENT JOURNAL:

Wie bewerten Sie diese Entwicklung  hin  zu  den  ver-

netzten Dingen?

 

Dr. Kettemann:

Das IoT hat sehr viel Potenzial, gerade im Bereich der Produktentwicklung und Produktion, es kann einen sehr großen Gewinn an Sicherheit bringen und an Produktivität. Gleichzeitig bestehen natürlich immer Gefahren im Bereich des Datenschutzes und im Bereich der Privatsphäre.

 

EVENT JOURNAL:

Das IoT wird auch direkt den menschlichen Körper beeinflussen. Am und im Körper angebrachte Geräte werden Daten an eine kontrollierende Stelle senden und dann wird diese regulierend eingreifen. Müssen wir damit rechnen, dass wir dann in Zukunft auch einen SmartBody haben?

 

Dr. Kettemann:

Es ist jetzt schon Realität, dass Modifikationen am menschlichen Körper durchgeführt werden, man denke an das Beispiel Herzschrittmacher. Es geht immer darum, was damit erreicht werden soll. Solange mitgedacht wird, was eine Modifikation für den einzelnen Menschen und für die gesamte Gesellschaft bedeutet und das 

auf dem Boden der Verfassung stattfindet, sehe ich da kein Problem. Problematisch wird es aber, wenn Menschen das Gefühl haben, sie müssten sich einer ständigen Überwachung aussetzen oder sie müssten zustimmen, dass ihnen kleine Computer implantiert werden, die ständig Informationen über sie sammeln, speichern und auswerten. Zur Zeit sind wir glücklicherweise noch nicht so weit. Der große Trend momentan sind die sogenannten wearables, die tragbaren Minicomputer, von denen sich Menschen freiwillig überwachen  lassen.  Das sind aktuell  Uhren  und  Schrittzähler. Teilweise hat das durchaus positive Wirkungen, wenn es Menschen dazu bringt, sich mehr zu bewegen. Ich selbst habe eine Uhr die mich darauf hinweist, mal wieder aufzustehen, wenn ich zu lange sitze. Aber man muss immer mit denken, welche Folgen das haben kann. Wenn einmal z. B. Versicherungen die Menschen dazu zwingen würden, die Sachen zu tragen, damit man in den Genuss eines preiswerteren Angebots kommt, wird eine Grenze überschritten. Technologie hat immer zwei Gesichter: Sie kann das Leben einerseits erleichtern und aber auf der anderen Seite zur Verletzung von Menschenrechten führen. Das heißt, Modifikationen am Körper sind nicht grundsätzlich abzulehnen, sondern man muss sich ansehen, welchen Zweck sie verfolgen. Niemand würde sagen, er lehnt Herzschrittmacher ab, weil damit in den Körper eingegriffen wird; wir sind uns einig, dass diese Maßnahme essentiell für die Fortdauer des Lebens ist. Aber was passiert, wenn ein Arbeitgeber z. B. das Implantieren eines kleinen Chips verlangt, damit man Zugang zu einem Sicherheitsbereich bekommt?

Hier muss das Recht ganz klare Grenzen setzen en und ich denke, das wird es auch, denn es handelt sich hier um die körperliche Integrität. 

 

EVENT JOURNAL

Die Industrie ist setzt größte Bemühungen daran, das Internet der Dinge zu verwirklichen.

 

Dr. Kettemann:

Die Industrie sieht für sich riesige Vorteile und Profitchancen. Halten wir uns das Bild von Fertigungsstraßen vor Augen: Früher mussten einzelne Menschen Informationen eingeben, heute kommunizieren die Roboter miteinander zunehmend selbstständig Bestellungen vor, wenn bestimmte Produkte nicht mehr zur Verfügung stehen. Es gibt mittlerweile voll automatisierte Lieferketten, was eine enorme Erleichterung für Unternehmen bedeutet. Gleichzeitig ist das IoT ein gigantischer Produktionsfaktor. Ich möchte nicht Schlechtes hineinlesen in das grundsätzliche Bestreben, IoT einzusetzen. Die Industrie war immer schon ein Motor für neue Technologien, angefangen bei Ford mit der Massenproduktion von Autos.


Matthias C. Kettemann ist Post-Doc Fellow am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er sich zu Recht und Internet habilitiert. Am Cluster gründete er den Forschungsschwerpunkt Internet und Gesellschaft. Dr. Kettemann hat für den Europarat, das Europäische Parlament und deutsche Unternehmen geforscht und publiziert regelmäßig zu Rechtsfragen des Internets in Online- und Offlinemedien. 



EVENT JOURNAL:

Welche Unternehmen sind Ihrer Meinung nach derzeit führend auf dem Gebiet der Forschung bzw. Umsetzung das IoT betreffend?

 

Dr. Kettemann:

In Deutschland verfolgen die Autounternehmen sehr stark dieses Ziel, auch Bosch und die Telekommunikationsunternehmen und es gibt selbstverständlich die großen amerikanischen Innovationstechnologieunternehmen, sprich die klassischen Verdächtigen, angeführt von Google. Ferner gibt es auch zunehmend die Konkurrenz von asiatischer Seite.

 

EVENT JOURNAL:

Über das IoT wird eine permanente Zuordnung von Daten stattfinden. Was ist in Bezug auf die Zuordnung von Daten neu daran und wer wird diese Daten verwenden?

 

Dr. Kettemann:

Diese Frage ist sehr herausfordernd. Im deutschen Rechtsraum gilt die Datenschutzgrundverordnung und diese legt fest, dass der Datenverarbeiter bestimmte Prinzipien zu beachten hat, insbesondere Datensparsamkeit und absolute Zweckbindung der Datenverarbeitung. Hier muss man sich immer anschauen, wer im konkreten Fall zuständig ist für die Datenverarbeitung und dass dieses Unternehmen dann entsprechend korrekt arbeitet.    

      

EVENT JOURNAL:

Es gibt natürlich gesetzliche Vorgaben für das Erheben und Verarbeiten von Daten, aber bei der Geschwindigkeit, wie sich die Dinge im digitalen Bereich entwickeln, hinkt der Gesetzgeber oft hinterher. Sehen Sie daher aktuelle Probleme bzw. Lücken bei der Datensicherheit?

 

Dr. Kettemann:

Mit der Datenschutzgrundverordnung wurde ein wichtiger erster Schritt in die richtige Richtung getan. Sie wurde aktualisiert und ist nun zeitgemäß gestaltet. Das größere Problem sehe ich in der noch unvollkommenen Fähigkeit der Menschen, mit großen Datenmengen umzugehen - und auch mit ihren eigenen Daten umzugehen. Wichtiger als neue Gesetze ist es, schon in der Schule aber auch generell in der Gesellschaft, ein Bewusstsein über den Umgang mit den Neuen Medien zu schaffen.

 

EVENT JOURNAL:

Wie sehen Sie die Rolle des IoT in Bezug auf die Tätigkeit der Geheimdienste?

 

Dr. Kettemann:

Das IoT kann nutzbar gemacht werden von Geheimdiensten, aber auch von der Polizei, um ein engmaschigeres Überwachungsnetz zu stricken. In Deutschland gibt es ein gutes rechtsstaatliches Fundament, das es Polizeibehörden nicht erlaubt, ohne richterliche Anordnung auf informationstechnologische Ressourcen zurückzugreifen. Filmszenarien, in denen beispielsweis die Polizei das IoT hackt, um Bürgerinnen zu überwachen, sind derzeit tatsächlich noch Science Fiction. Was nicht heißt, dass genau so etwas später einmal ein größeres Problem werden kann.